„So wie bei fast Allem, was ich in den letzten Jahrzehnten verfasst habe, gelingt es mir auch hier nicht, endgültige Antworten auf die entscheidenden Fragen zu finden. So kommt es, dass ich ständig über Probleme stolpere, denen ich nur mit der leeren Phrase ‘Einerseits…, andererseits jedoch…’ aus dem Wegen gehen kann. Vielleicht liegt es am Unvermögen bzw. an der intelektuellen Unzulänglichkeit des Autors, vielleicht jedoch auch, und so muss ich wieder mir selbst schmeicheln, an der Unzulänglichkeit des Seins. Mehr habe ich nicht zu sagen.“
So lauten die letzten Sätze des Vorwortes zum letzten Buch des polnischen Philosophen Leszek Kołakowski. Der wahrscheinlich größte polnische Denker des 20. Jh. starb vor einigen Monaten im Alter von 81 Jahren. Zu seiner Vita, seinen Verdiensten und Publikationen will ich hier nicht allzu viel schreiben. Dies kann jeder Interessierte bei Wikipedia oder anderen Quellen nachschalgen. Vielmehr will ich mit diesem Post ein paar lose Gedanken ordnen, um festzustellen warum mir ausgerechnet dieser Philosoph so viel bedeutete.
Kołakowskis Werke begleiten mich schon seit Jahren, praktisch seitdem ich die Philosophie für mich als eine Art intellektuele Gymnastik entdeckt habe. Seinen Essays und Traktaten verdanke ihnen zahlreiche Denkanstöße, die mein Denken wahrscheinlich in größerem Maße geprägt haben, als es mir überhaupt bewusst ist.
Mal abgesehen von seinen „Mini-Traktaten über Maxi-Themen“, in denen er relativ locker über solche Themen wie Medien, den Fortschritt oder Sex philosophiert, befasste er sich in seiner letzten Schaffensperiode hauptsächlich mit „schweren“ Themen, die sich auf ontologischer und ethischer Ebene bewegen. Ein immer wiederkehrendes Thema ist Gott, unsere Beziehung zu ihm und die daraus resultierenden Folgen. Dabei bekennt sich Kołakowski nie zu einer bestimmten Ideologie. Er ist… nein, er war ein sehr pragmatisch denkender Philosoph, der in seinen Erörterungen stets ein praktisches Ziel verfolgte. In dem Buch „Falls es keinen Gott gibt“ skizziert er die Folgen, die ein Leben ohne die Idee eines absoluten Seins hätte und kommt zu dem Entschluss, dass in solch einer Welt keine Wertschöpfung möglich wäre. Er selbst hat die Frage nach seinem Glauben bzw. Nicht-Glauben nie eindeutig beantwortet, doch in seinen philosophischen Ausführungen schließt er die Existenz Gottes nie aus. Die Beziehung Kołakowski-Gott gewinnt noch weiter an Brisanz, wenn man bedenkt, dass der polnische Philosoph früher in der kommunistischen Partei war und ein dreibändiges Werk über den Marxismus verfasste. Doch schon damals sorgte er mit so mancher Behauptung, z. B. dass die Philosophie sich nie von der Theologie emanzipiert habe, bei vielen Marxisten für Unmut. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er Polen verlassen musste, was er auch schließlich tat.
Was für mich Leszek Kołakowski zu einem einzigartigen Philosophen macht, ist die Vielschichtigkeit seiner Gedankengänge, die Fähigkeit, Grenzen zu sprengen und seine Weitsicht. Er hat sich von Nietzsche nicht dazu verleiten lassen, Gott aus der Philosophie zu verbannen. Er schränkte sein Denken nie ein, schon gar nicht, um irgendwelchen Ideologien oder Schulen treu zu bleiben. Bei seinen Überlegungen differenzierte er nicht zwischen Philosophie und Theologie, auch wenn er sich, zum Glück, keine scholastischen Gedanken über Gott machte. Am Schluss steht fast immer die Frage, was diese oder jene Antwort für uns Menschen und unsere Werte bedeuten würde. Und dass man ohne Gott, keine glaubwürdigen Werte schöpfen kann, darin stimme ich mit Kołakowski überein, obwohl ich, ähnlich wie er, mich keiner Religion wirklich zugehörig fühle und von der politischen Gesinnung eher links-orientiert bin. Doch das ist ein Thema für einen separaten Eintrag
Wie kam ich eigentlich auf die Idee, diese, zugegeben, doch recht chaotisch geratenen Zeilen zu posten? Ich habe vor einigen Minuten die Lektüre von Kołakowskis letztem Buch „Ist der Herrgott glücklich und andere Fragen“ (es gibt leider, so viel ich weiß, noch keine deutsche Übersetzung) beendet und musste wieder feststellen, wie nah ich mich doch diesem Philosophen fühle. Zum Buch selbst will ich nun nichts mehr sagen, da es schon kurz vor zwei ist und ich doch langsam etwas Schlaf gebrauchen könnte. Eins nur: es ist lesenswert.
Dobranoc
P.S. Bei dem einleitenden Zitat handelt es sich um keine offizielle, sondern um meine eigene, relativ freie Übersetzung.